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Die laue Woge des Windes fuhr mit sanfter Gewalt hinieder in das Gold des reifen Kornes, in dem das einsame Zirpen einer einzelnen Grille klagte wie ein letzter wehmütiger Nachruf auf das warme Licht des Tages, das in der goldroten Glut der untergehenden Sonne versank. Wie flüssiges Silber stieg der Mond hervor, von Wolken eingerahmt, die sein kühles Licht in tausend Farben zurückwarfen, hinein in die Tiefe des Himmels, in der Abermilliarden von Sternen im Dunst der feuchten Wärme der Nacht ihr kristallenes Licht auf die Erde warfen, die dort unten tief unter den Wolken ruhte.

Auch das kleine Dorf, das sich dort wie eine dunkle Bastion aus Schatten am fernen Horizont erhob, war tief in den Schlaf gefallen, wie seine Bewohner, die mit klopfendem Herzen schlafend und dennoch wie wach in ihren Träumen in ihren Betten lagen und den Zorn der Göttin herannahen fürchteten, denn heute war IHR TAG, der Tag ihrer Lobpreisung, an dem es nur dem in jedem Jahr neu Erwählten gestattet war, ihr zu huldigen, indem er ihr einen kühlenden Trank aus Mondblüten bereitete, die noch in dieser selbigen Nacht gepflückt werden mussten und er seine Seele mit ihr, der Mutter allem Seienden, Werdenden und Gewesenen verschmolz. War auch viele Jahre zuvor diese Verschmelzung jedem der Erwählten geglückt, so hatte diese jedem von ihnen in den letzten 16 Unglücksjahren das Leben gekostet, obschon der Hohepriester Largagh Sayr, dem schon lange keiner mehr Achtung zollte, alle Aspiranten erst nach langer und sorgfältiger Prüfung ausgewählt hatte.

Darryn fuhr ein leichter Schauer durch die Glieder und ein Gefühl von tiefer Furcht erfüllte sein bangendes Herz. Noch niemals zuvor, an keinem der Tage, die je zuvor vergangenen waren, nur um jeden Morgen den Aufgang der Sonne herbeizusehnen, hatte Darryn sich so geehrt und doch so ängstlich gefühlt wie in dieser einen Nacht, in der das Auge des ganzen Dorfes auf ihm ruhte, lauernd sein Scheitern herbeirufend und dennoch voller Angst vor seinem erhofften Versagen, das dem ganzen Dorf den Untergang bereiten konnte.

Darryn seufzte tief und rieb sich vorsichtig mit dem Handrücken über seine von der schwülen Wärme heißen Stirn, auf der kleine Perlen aus kondensierter Nachtfeuchte standen. Seine baren Füße, die behutsam durch das reife Korn schritten, spürten die feuchte Wärme des weichen Ackerbodens, die langsam als Dunst durch die Halme rann. Stolz erfüllte ihn erneut, als er die wogende Fläche des selbst im kalten Mondeslicht goldenen Kornes betrachtete. Wie gesund und kräftig sie doch waren, die Halme, wie stolz sie doch allen Unwettern trotzten, die die umliegenden Felder zerstört hatten, welche sie durch Blitzschläge verbrannt, durch anhaltenden Regen ertränkt und durch Winde zerzaust und herausgerissen hatten. Nur dieses Feld, das Feld seines Vaters, es hatte jedem der sechzehn Jahre getrotzt, die Verwüstung über das Land gebracht hatten. Er hatte den Hass in den Gesichtern der anderen Dorfbewohner gespürt, der mit jedem der Jahre zu wachsen schien, in denen die sieben Plagen jeglichen lebendigen Halm ihres Kornes vernichtet hatten. Und dieser Hass, der vernichtender wirkte, als alle Stürme der Natur, er schien von ihren Augen in sein Herz zu springen, um es zu vernichten.

Traurig gedachte er Vairyna, der holden Braut, der zarten Jungfrau mit den rotgoldenem Haar, das im Licht der warmen Tagessonne wie ein Gespinst aus puren Gold- und Kupferfäden leuchtete. Sie, die leibhaftige Verkörperung aller himmlischen und irdischen Freuden, sie war es, die sich jede Nacht in seine Träume schlich, nur um sich im grellen Licht des Tages dann wieder von ihm abzuwenden, ganz so als fürchte sie, ein einziger Blick von ihm könne ihr Herz vergiften und den Zorn der Dorfbewohner auf sich richten. Da er sie von ganzem Herzen liebte, hatte er ihr nie irgend ein Leid zufügen wollen und so hatte er sich ihr seit vielen Wochen nicht mehr genähert, aus Furcht, sie zu einer Geächteten zu machen, die vom ganzen Dorf gemieden würde, gleich ihm, der schon von seiner Geburt an ein Ausgestoßener war.

Natürlich besaß sein Vater, dem das Volk seine fruchtbaren Felder neidete, trotz aller Mißgunst das hohe Ansehen, das seiner alten Familie zukam. Doch Darryn, nein, er war nicht sein eigen Fleisch und Blut, es war lediglich seine Barmherzigkeit, die ihn dieses Kind, das aus dem Nichts kam, hatte annehmen lassen. In einer Wiege aus Stroh hatte man ihn gefunden, weit hinten im Schilf, ganz nahe am trüben Wasser des Tümpels, das ihn zu verschlingen gedroht hatte. Seine Mutter hatte ihn gefunden und sich der kleinen grazilen Gestalt erbarmt, die dort so winzig und zerbrechlich zwischen den Gräsern gelegen hatte. Sie hatte sich zu ihm gebeugt und vorsichtig seine kalte weiße Haut berührt, die so blass wie die Nebel der aufkommenden Nacht geschimmert hatte. Bei der Berührung seiner unterkühlten Haut, die durch die Feuchte des nahen Wassers ganz klamm gewirkt hatte, musste er wohl fröhlich gelacht haben, so jedenfalls hatte es ihm seine Mutter später erzählt, als sie ihm von seiner wahren Herkunft berichtet hatte.

Zunächst war der damals erst siebenjährige Junge lediglich erstaunt gewesen, als er erfahren hatte, dass die beiden vertrauten Menschen, die er für seine Eltern gehaalten hatte, nicht seine leiblichen Eltern waren, dann aber hatte er im Laufe der Jahre die unbewegten Blicke der Dorfbewohner zu durchschauen und unter ihrer Ablehnung zu leiden gelernt. Da half es nur wenig, dass seine Haut mit fortschreitenden Alter immer weißer zu werden schien, unnatürlich weiß wie die Oberfläche des Frostes, der im Winter die kahlen Eichenbäume zierte. Sein Haar, das nun im Mondesschein dunkel wie der Nachthimmel leuchtete und seine silbergrauen Augen, die ihm eine beinahe überirdische Schönheit verliehen, hatten das Ihrige getan, die Furcht der Bewohner zu steigern, die in ihm den Sohn des Leibhaftigen zu sehen glaubten.

Darryn strich sich nachdenklich über das schwarzglänzende Haar, in dem sich das Licht der Sterne spiegelte. Er fühlte mit den Fingerspitzen ihre Weichheit und verspürte plötzlich den Drang, das Band zu lösen, mit er es lose im Nacken zusammengebunden hatte, und das lange Haar frei auf seine Schultern fließen zu lassen. Wie er da stand, beinahe geblendet von den silbernen Strahlen des reifen Mondes, da fühlte er aufeinmal, wie ihn ein heißes Gefühl tiefer Lust und Hingabe überfiel. Er fiel nieder im leuchtenden Licht des Mondes und flüsterte ganz sanft den Namen der Göttin, den das Ohr Sterblicher nicht vernehmen durfte.

Und wie er da kniete, im Lichte des gleißenden Mondes, im Glanz der ewigen Sterne, das Singen der Nachtigall im Ohr, da fühlte er, wie sich die Furcht und das tiefe Leid der vielen in der Einsamkeit verbrachten Jahre in ihm lösten, sich wie sprudelndes Wasser ihren Weg bahnten, als Tränen ersprossen und sich über seine matte weiße Haut ergossen. Bestimmt eine Stunde verharrte er dort, barfüßig und kniend, bis seine Tränen ihn von jeglicher Trauer gereinigt hatten und er sich wieder vorsichtig von der mittlerweile kühlen Erde erhob, um seinen Weg zum Heiligtum der Göttin fortzusetzen, die die Menschen nun schon seit 16 Jahren nicht mehr genährt hatte.

Natürlich hatte man ihm, dem Findelkind von unbekannter Herkunft, die Schuld an dem zerstörerischen Gebahren der aufgebrachten Natur gegeben, und so hatte man immer wieder auf das Neue versucht, ihn aus dem Dorf zu jagen oder sich seiner anderweitig, notfalls mit Gewalt zu entmächtigen. Er erinnerte sich noch genau an den brennenden Schmerz, dann seinen eigenen gellenden Schrei, der aus ihm barst, als man ihn weit hinaus ins Schilf getragen hatte, um ihm ein spitzes Messer ins Herz zu stoßen und damit alles Unglück aus dem Dorf zu verbannen. Glücklicherweise hatten seine Schreie den Sohn des Hirten herbeigelockt, der ihm rennenden Fußes mit dem Mut eines jungen Löwen zu Hilfe geeilt war. Die Männer, die ihn mit Gewalt um sein Leben hatten bringen wollen, die hatte man nicht weiter behelligt, obschon man den Worten des Hirten durchaus Glauben geschenkt hatte. Doch wer wünschte sich in der Tiefe seines Herzens denn nicht den Tod des verhassten Fremden, der das Leid über die Menschen gebracht zu haben schien?! So kam es, daß Darryn noch heute Tag für Tag auf die Männer stieß, die ihn damals zu töten versucht hatten, wenn er zum Markt lief, um dem farbenfrohen Treiben zuzusehen, das ihn zumindestens für einige Stunden des Tages von seiner Einsamkeit abzulenken vermochte.

Darryn überquerte noch gänzlich in seinen Gedanken gefangen die alte Brücke, deren Schaufelräder das wallende Wasser in einen schäumenden Strom verwandelten, dessen Rauschen noch von weiter Ferne zu vernehmen war. Das Holz war klamm und glatt, so dass Darryn Mühe hatte, über die Planken der Brücke zu schreiten, ohne in die reißenden Fluten zu stürzen. Dennoch, das milde Licht der Göttin, das er stets in seinem Herzen getragen hatte, verlieh ihm Mut und Kraft, und sehr schnell hatte er das andere Ufer erreicht, das den Anfang des starren Dickichts des Waldes bedeutete. Ein leichtes Gefühl der Furcht befiel Darryn, als er die knorrigen Eichenbäume sich dunkel im Wind beugen sah und ein Eulenruf wie eine Totenklage durch die undurchdringliche Dunkelheit des Waldes hallte. Er hatte mit eine Male das Bedürfnis, sich selbst zu opfern, sich zu opfern, um den Hass der Menschen zu stillen, um selbst Ruhe zu finden, sich der Göttin hinzugeben, auf dass sie ihn umfangen möge in ewiger Umarmung tiefster Stille.

Ein raschelndes Geräusch riss ihn aus den Gedanken. Es kam näher! Oh, bei der heiligen Göttin, ist sie wirklich so nahe, meine letzte Stunde, dachte er voller Furcht. Jegliche Sehnsucht nach einem baldigen Ableben verließ ihn so schnell wie sie gekommen war, und es war die blanke Furcht die ihn auf nackten Füßen rennend den Wald durchqueren ließ, bis er schließlich wie atemlos auf der heiligen Lichtung stand, auf der sich das Sternenlicht an Monolithen aus altem Gestein brach. Der heilige Hain!!! Darryn stockte der Atem. Dies war es also, das heiligste aller Mysterien, dies war er, der Ort der Göttin, den niemand außer den Außerwählten betreten durfte. Erfurcht ließ ihn niederknien, ließ ihn aufgehen in der knisternden Stille des Ortes, an dem jeder Stein erfüllt war mit Kraft und Ewigkeit. Er hörte das Beben der feuchtheißen Massen im Inneren der Erde, er hörte helle Stimmen durch frohe Tage hallen und vernahm das Schlagen des Herzens der ganzen Welt. Tief berührt bot er sich ihr dar, der Göttin der Nacht, die durch ihn Frieden finden sollte.

Lange spürte er nichts außer dem Schlagen aller Herzen aus allen Zeiten, Orten und Universen, dann aber, da sah er, wie ein schwarzer Schatten vor ihm aufragte und er musste sich auf die Lippen beißen, um nicht laut aufzuschreien. Er betrachtete wie gelähmt durch den tiefen Schrecken , der ihn erfasst hatte, mit fassungslosen Augen, wie sich der Schatten näherte, wie er über ihn fiel, wie er sich über ihn hinabbeugte. Darryn fing an zu zittern, und es waren nur die scharfen Kanten seiner Zahnspitzen, die er in seine Lippen drückte, welche ihn davon abhielten, wie besinnungslos zu schreien. Er fühlte, wie eine ungeheure, nie zuvor empfundene Kälte seine Glieder umklammerte.

Doch plötzlich unerwartet, wie der Aufgang einer brennenden Sonne, erblickte er ein Licht, so tief und rein, daß es in seinen Augen schmerzte. Er wollte sich abwenden, doch dann erklang die himmlischste aller Stimmen, die sich der Mensch nur vorzustellen vermag. Er lauschte fassungslos, gerührt, erfüllt von Liebe und Wärme. Dann spürte er eine warme Hand und sah eine leuchtende Frauengestalt mit wallendem Haar erfüllt von tiefnächtender Schwärze und einem Leuchten, das von den unzähligen Sternen ausging, die ihn ihren Haaren funkelten. Ihre Augen, sie waren hell und dunkel zugleich und silbern, so silbern wie ein Wintermorgentag. Er starrte sie an, er heftete sich mit den Augen an ihre leicht geöffneten Lippen, an ihre pergamentweiße Haut, das im Licht der Sterne leuchtete.

„Komm zu mir!“, vernahm er die lockende Stimme, „Komm zu mir und koste die Unendlichkeit!“ und weiche, köstliche Lippen umfassten die seinen, umschlangen sie und eine weiche Zunge unbeschreiblicher Zartheit drang in seinen Mund, erfüllte ihn. Er seufzte und schlang seine Arme sehnsuchtsvoll um die zarten Arme der Schönen, der Zauberhaften, der unbekannten Erleuchterin, die ihn in Atem hielt. Er löste ihr seidenes Gewand, auf dem lebendige Blumen sprossen und liebkoste mit zarten Lippen ihre weiße Haut, die so rein war wie das Weiß von Schneeglöckchen im März. Er fühlte, wie ihn heiße Ströme tiefer Lust durchströmten, tiefer Liebe, und das Wissen einer ganzen Welt. Er öffnete sein eigenes silbernes Gewand und sie umfasste ihn, umarmte ihn und schenkte ihm die ganze Welt. Silberpfeile stieben voran, stießen ihn weiter hinein in das Meer der Sterne, Goldregen fiel auf seine zarten Hände und die wilde Glut tiefer Liebe durchströmte ihn, bis am Morgen die Strahlen der Sonne den Horizont in Licht tauften.

„Ich muß gehn, Geliebter,“ hörte er die Angebetete sagen, „Doch eines, das gebe ich dir nun mit auf dem Weg, versprich mir, daß du es befolgen wirst!“ Darryn nickte, benommen von der Tiefe seiner Liebe zu ihr.
„Geh zum Hohepriester und sag ihm „Heute ist mein Sohn der Welt geboren! Möge er seine Bestimmung erhalten!“

Darryn sah sie staunend an, sie, deren helle Gestalt im gleißenden Licht der aufgehenden Sonne wie Nebel verschwamm. Ihr Lächeln erfüllte den Morgen und sie hauchte: “Sag ihm auch, von nun an soll leiten den Tempel der Auserwählte, dessen Vater der Tag ist und dessen Mutter die Nacht!“

Darryn starrte noch lange in die weißen Wolkenfäden, die das Licht der Sonne brachen, das matt auf Tautropfen fiel, die an den Blättern und Stengeln der Frühlingsblumen hingen, die wie tausend farbig leuchtende Sterne den Wiesen entsprossen. Dann machte er sich auf den Weg zum Hohepriester über die rätselhafter Worte der himmlischen Fee nachgrübelnd, die ihm seine ersten Freuden geschenkt hatte.

Ins Dorf zurückgekehrt, da trafen ihn die ängstlichen Blicke einer Bäuerin, die ihre Ware zum Markt trug. Und kaum, da stand er schon auf dem Marktplatz, dessen Leben zu so früher Stunde gerade neu erblüht war, da gellte der Schrei der Menschen, die ihn für seinen eigenen Schatten hielten, der vom Reich der Toten wieder zu ihnen zurückgekommen war, um Rache zu üben, bis in die finsterste Ecke des Dorfes. Man schlug auf ihn ein, man prügelte ihn, stieß ihn mit Füßen, bis er bedeckt mit seinem eigenen Blute zu Boden sank.

Das Licht war weiß und hell wie in der Mittagsstunde, und er hörte das geschäftige Summen der fleißigen Bienen, als er wieder zu sich kam. Voller Erleichterung sah er in die besorgte Miene des alten Hohepriesters, dessen Gesicht mit tiefen Furchen des Alters überzogen waren. Doch sein Blick, dies war nicht der zaudernde Blick, der Darryn gemustert hatte, als er ihn aufgrund einer merkwürdigen Vision erwählt hatte, nein, es war ein warmer, liebevoller Blick und ein sanftes Lächeln spielte um seine welken Lippen. Er strich Darryn beruhigend über die heiße Stirn, die durch ein kaltes Tuch gekühlt wurde.

„Nun,“ begann er mit seiner rauen Stimme, die durch sein Alter und all die heiligen Tränke, die er zu sich genommen hatte, heiser geworden war. „Ich hatte heute einen wundervollen Traum, den ersten Traum nach 16 Jahren, der nicht einem Nachtmahr glich, den ersten, seitdem du geboren wurdest!“

Bei seinen Worten, da erschien sie wieder wie aufgetaucht aus dem Nichts, die Erinnerung an die in himmelsgleicher Umarmung verbrachten Nacht, an die Freuden, die Erleuchtung dieser heiligen Stunden und das Versprechen, das ihm die holde Schöne bei ihrem Abschied abgenommen hatte.

Darryn räusperte sich verlegen: “Heute Nacht, da traf ich eine wunderschöne Frau auf der Lichtung, im heiligen Hain.“ begann er. Das Gesicht des Priesters fing an zu strahlen. „Beschreibe sie mir, bitte!“

„Sie war wie das Feuer, wie das Eis, wie das Leben, der Tod, die Vergänglichkeit, die Ewigkeit. Ihr Haar war so schwarz wie Obsidian, ihr Haut so weiß wie reinster Schnee, ihre Augen so grau wie ein Wintermorgen!“
Der Priester fing an, zu lachen, zu lachen, vor Freude und auf seinem Gesicht spiegelte sich das Licht der Sonne, das harte und helle Licht des Mittags.

Darryn wiederholte die Worte der himmlischen Braut und siehe da, der Priester fiel vor ihm auf die Knie, und bat ihm um Gnade. Darryn erschrak über die Wortes des Hohepriesters und versuchte, ihn wieder aufzurichten, doch der Priester weinte bittere Tränen und ließ sich nicht dazu bewegen, sich aus dem Staub zu erheben und Darryn in die Augen zu blicken.

„Bitte, Largagh Sayr, bitte sagen Sie mir, was geschehen ist, bitte sagen sie mir, was wissen sie über die himmllische Fee, die ich heute Nacht geliebt habe! Bitte sagen sie mir doch, was sie so schmerzt, dass sie mich nicht mehr ansehen möchten! Sagen sie mir, habe ich irgend etwas falsch gemacht? !“Er hörte das tiefe Schluchzen des Priesters, der sich schließlich verlegen räusperte und sich mit Hilfe Darryns aus dem Staub erhob, um ihn zitternd anzublicken.

„Nun, mein Sohn,“ begann er, „Du musst wissen, dass es die Göttin selbst war, die sich dir gestern Nacht offenbahrt hat, die sich mit dir verbunden hat und uns damit die langersehnte Erlösung von den sieben Plagen geschenkt hat.“

Darryn starrte ihn entgeistert an. „Die Göttin...“ Erst jetzt verstand er. Aber er verstand dennoch nicht alles. „Weißt du, wer deine Eltern sind?!“ fragte ihn nun der Priester.

Darryn wandte seinen Blick verlegen von dem gutmütigen Gesicht des alten Priesters ab und starrte in die Ferne, in der blaugold leuchtende Berge in den tiefblauen Himmel des Nachtmittages ragten. „Sie wissen doch, daß ich ein Findelkind bin!“

Der Priester schüttelte lächelnd den Kopf. „Das bist du nicht, das bist du wirklich nicht. Du bist es, der uns von der Göttin versprochen wurde, schon viele Jahrhunderte zuvor. Doch ich war töricht und blind, und ich sah ihren Sohn nicht, als er uns geschickt wurde, wie alle anderen, die ebenfalls nicht des Sehens mächtig waren, die ihren Sohn nicht erkannten, die ihn verkannten, die ihn hassten, die ihn fortjagen, ja, sogar töten wollten. Alles das bescherte uns die 16 Jahre der großen Plagen und des großen Leids.“

Darryn starrte den Priester immer noch erstaunt an. „Wo ist er denn, IHR Sohn, der Sohn der Göttin und des Gottes, der Nachkomme von Nacht und Tag? Habt ihr ihn heute Nacht im Traum gesehen? Wo hält er sich denn auf?! Können wir ihn nicht zu uns bitten, um die Göttin zu besänftigen?!“

Da fing der Priester an, zu lachen, bis ihm die Tränen auf die roten Wangen liefen. „Der Sohn der Göttin, der wiedergeborene Gott, mein liebster Sohn dunkler Nächte, dieser Sohn, der bist DU!!!“
Darryn spürte, wie die Erde unter ihm in einem tiefen Loch verschwand und er sank ohnmächtig danieder.

Als er aufwachte, da waren die Bewohner des Dorfes um ihn versammelt, sie brachten ihm Opfer dar und baten ihn um Verzeihung. Verlegen musterte er seine Mutter, die vor ihm niedergekniet war, um ihm ebenfalls Opfer darzubieten. Er bedeutete ihr liebevoll, wieder aufzustehen und zusammen mit seinem Vater und seinen Geschwistern bei ihm Platz zu nehmen. Er lauschte dem Klang der Harfen und der Geigen als er plötzlich am Horizont eine Versammlung erblickte, die sich dem Dorfplatz näherte, auf dem Darryn auf einer thronartigen Erhebung saß.

Als die Abteilung näher kam, konnte er die Helme von bewaffneten Rittern in der Abendsonne glänzen sehen, an denen manch eine Feder schwang. Besorgt musterte er die Abordnung, die sich als Garde des Königs vorstellte. „Der König wird bald hier eintreffen. Als bescheidene Gabe bietet er euch hiermit seine jüngste Tochter!“ ließ der an der Spitze der Abordnung stehende Ritter ausrichten. Darryn sah voller Schrecken in die ängstlichen Augen des Mädchens, das sich vor ihm in den Schmutz warf und um Gnade bettelte. Sovielem Leid konnte Darryn nicht trotzen, also nahm er das Mädchen bei der Hand und führte sie wieder zu dem Ritter zurück, der sie ihm übergeben hatte und bat ihn, das junge Mädchen wieder nach Hause zu bringen und ihrem Vater, dem König, dem Herrscher über sieben Reiche, Dank zu sagen und ihm zu versichern, dass es gar nicht nötig sei, dass sich dieser in das Dorf begebe, auch ohne sein Kommen spreche er Segen über ihn und seine vereinigten Reiche.

Als der Abend niederging, in einem Strom von fließendem Licht und einem Mond, der heller strahlte, als jede Nacht zuvor, da sah Darryn einen Schatten, der sich auf ihn zubewegte. Er erbebte, in der bangen Erwartung, es könne die Göttin der Nacht sein, die ihm weitere Freuden schenken wolle, doch dann, dann erblickte er sie, die holde Maid Vairyna, der steten Besucherin seiner tiefen Träume. Sie blickte ihm in die Augen und er fühlte, das es nicht nur Träume gewesen waren, die ihn mit ihr verbunden hatten.

„Laß mich dir näher sein!“, sprach sie, deren goldrotglänzendes Haar sich wie ein gleißender Schein der hellen Sonne auf ihre Schultern ergoss und er nahm sie bei der Hand und geleitete sie zum heiligen Hain, berührte sie zärtlich und verband sich mit ihr, wie er es in der Nacht zuvor mit der Göttin getan hatte, und sie tauchten hinein in den ewigen Strom der wonnigglänzenden Nacht, der niemals gerinnen würde.

Seth Ghwyndion

Kurzbiographie der Autorin
Vampir-Chronik von Seth Ghwyndion