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Der Geist von Rangoon

Auf meiner letzten Reise durch Asien mußte ich erfahren, daß sich nicht nur die Menschen dieses Kontinentes durch ihre Mentalität von jenen in Europa zu unterscheiden scheinen, sondern in einem noch viel stärkerem Maße die asiatischen Geister von den europäischen.

Denn während die Geistererscheinungen in Europa meist einen recht verwirrten und dumpfen Eindruck machen, so scheinen die Geister in Asien ziemlich machtvoll und eigenwillig zu sein, so daß sie auch viel intensiver wahrgenommen werden können als die europäischen. Aus diesem Grunde wäre es sicherlich nicht richtig, den in Asien viel stärker verbreiteten Geisterglauben nur der traditionelleren Lebensweise der Asiaten zuzuschreiben, die sicherlich nicht nur größere spirituelle Offenheit, sondern auch Aberglauben mit sich bringt, sondern es scheinen auch die Ausstrahlung und Kraft der Geister zu sein, die es einem Menschen viel leichter machen, ihre Präsenz wahrzunehmen.

Diese Erfahrung mußte ich vor wiederholt in Burma, Taiwan und Thailand machen, wo ich fast jeden Tag auf Geister traf, während dies in Deutschland wesentlich seltener geschieht! Besonders Müllhalden, wenig bewohnte Hotelzimmer und verlassene Tempel schienen dort recht häufig die Wohnstätte von Geistern zu sein.

Einen besonders hartnäckigen und zugleich auch durchaus unangenehmen Geist traf ich in Rangoon/Burma in unserem Hotelzimmer an. Es begann damit, daß wir uns ein Hotelzimmer ansahen, das einen durchaus gepflegten, für asiatische Verhältnisse sogar außerordentlich luxuriösen Eindruck machte. Ich wollte dennoch zum Vergleich ein weiteres Zimmer besichtigen, doch das Zimmermädchen erklärte uns, daß das Zimmer über uns nicht bewohnbar sei, da der Regen dort durch das Dach tropfe. Nachdem wir eingewilligt hatten, die nächsten Nächte also in diesem Zimmer zu verbringen, rief ich das Zimmermädchen, um mir das Fenster öffnen zu lassen, da es im Zimmer sehr stark nach Parfüm roch, es leider aber durch ein Schloß verriegelt war. Sie eilte herbei, wollte aber zunächst nicht das Fenster öffnen, was mir sehr merkwürdig vorkam. Ihre Begründung lautete, daß die Gefahr eines Einbruchs bei einem geöffneten Fenster viel zu groß sei, doch ich beharrte darauf, das Fenster dennoch öffnen zu wollen, vor allem, weil ich jedesmal von einem äußerst unangenehmen Gefühl befallen wurde, wenn ich nur in die Nähe des Fensters kam und deshalb den Grund für dieses Unbehagen herausfinden wollte. Nach mehrmaliger Wiederholung meiner Bitte schloß sie schließlich doch das Fenster auf, und es drang ein höllischer Gestank von draußen in meine Nase, den ich noch unangenehmer fand, als den Perfümgeruch im Zimmer. Sie erklärte mir verlegen, daß dort draußen Müll in der Gosse liege und ich vergewisserte mich selbst davon, indem ich mich aus dem Fenster beugte und eine regelrechte Müllhalde zwischen den Häusern entdeckte und mich dann doch lieber für den süßlichen Geruch des Perfüms entschloß, anstatt die nächsten Tage auf einer virtuellen Müllhalde zu verbringen.

Am Abend gingen wir dann nach einem kurzen Spaziergang recht bald zu Bett. Obschon mich aus unerfindlichen Gründen beinahe ein Gefühl der Angst befiel, wenn ich den Wandschrank vor mir betrachtete, beschloß ich dennoch, das Bett vor ihm anstatt dem am Fenster zu wählen, da seine Matraze weniger durchgelegen zu sein schien. Ich musterte eine Zeit lang mit Unbehagen den dunklen Schrank vor mir, schloß aber schließlich trotz nicht nachlassender Unruhe die Augen, um mich von der langen Reise zu erholen. Doch kaum glitt ich schließlich vom Wachzustand in den Schlaf über, da schreckte ich plötzlich durch ein merkwürdiges Geräusch auf, das aus dem Schrank zu kommen schien. Nun war an Schlaf nicht mehr zu denken, also suchte ich zusammen mit meinem Freund nach der Ursache des unangenehmen Geräusches , doch alles, was wir fanden, waren ein paar Papierreste. Ich versuchte, mich damit zu trösten, daß es sicherlich nur Mäuse seien, doch kaum hatte ich mich wieder hingelegt, ertönte das Klopfen von Neuem und dieses Mal hörte es auch mein Freund. Wir schlichen zu Tür des Schrankes, doch so gründlich wir auch suchten, wir fanden nichts!

Am nächsten Abend geschah das Gleiche und es verfolgte uns geradezu, dieses undefinierbare Klopfen, das jedes Mal zu vernehmen war, sobald wir uns hingelegt und schweigend auf es gewartet hatten, so daß ich verzweifelt beschloß, auszuziehen, falls ich in dieser Nacht wieder keinen Schlaf finden würde. Und abermals durchsuchten wir vorsorglich den Schrank, doch auch dieses Mal fanden wir nichts, das die Geräusche hervorgerufen haben konnte. Also beschlossen wir, den Störenfried durch die Anrufung unseres buddhistischen Schützers zu vertreiben, und tatsächlich, nachdem wir uns nach dem Gesang zu Bett legten, da verstummte das Geräusch und die Düsternis des Zimmers lichtete sich.

Am nächsten Abend wurden wir abermals von den Geräuschen gestört, bis nach erneuter Schützeranrufung der Geist verstummte. Und mit jedem Mal, das wir das Schützerlied sangen, wurde die Ausstrahlung des Zimmers positiver, und obschon der Geist nicht verschwand, so wurde er durch die Gesänge doch friedlicher, so daß wir die folgenden Tage in Ruhe schlafen konnten und die Geräusche schließlich ganz ausblieben.

Seth Ghwyndion

Kurzbiographie der Autorin
Bücher mit Gedichten von Seth Ghwyndion