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Der dumpfe Schlag der Kaminuhr ließ Dhyadah aus ihrem Sessel fahren. In einem Moment der Verwirrung betrachtete sie verstört das alter Zifferblatt, dessen Messingzeiger schon Zeichen des Alters zeigten. Bald ist es acht Uhr, bald geht die Sonne unter, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie hörte den Regen gegen die Fensterscheiben schlagen und aus der Ferne drang der Abendgesang einer Amsel zu ihr. Müde und immer noch leicht benommen trat sie ans Fenster, ganz als warte die Antwort auf ihre vielen Fragen hinter einem der in der aufkommenden Dunkelheit fahl schimmernden Baumwipfel, in denen der Wind rauschte. Sie öffnete das Fenster, das sich nur nach großer Anstrengung mit einem lauten Quietschen bewegte.
Dhyadah schrak zusammen, bis sie bemerkte, dass es nur das Fenster gewesen war, das dieses qualvolle Geräusch von sich gegeben hatte. Vorsichtig streckte sie ihre Hände in die Dunkelheit, um die Temperatur zu prüfen. Schaudernd zog sie sie schnell wieder zurück, als sie die Kälte bemerkte, die ihre Fingerspitzen schon in wenigen Sekunden gefühllos machte. Nein, heute konnte sie wirklich nicht aus dem Haus gehen, es sei denn, sie hätte nun vollständig den Verstand verloren. Den Verstand verloren, echote es in ihrem Kopf. Ja, das hatte sie wohl, oder war dies alles nichts als eine etwas merkwürdige Periode in ihrem Leben? Ihr Leben, ja, wenn sie es bald noch besaß. Nicht, wenn sie so weitermachte, das wusste sie genau.
Kalt und verloren stand sie am Fenster, hoffte beinahe, dass die kalte Luft alldem ein Ende bereiten würde, doch sie wusste genau, das dies unmöglich war. So kalt konnte es gar nicht sein, dass sie so sang- und klanglos von dieser Erde abtreten könnte. Sie schüttelte energisch den Kopf. Nein, nun musste sie sich zusammenreißen und wieder ganz ruhig im Sessel platznehmen und ein Buch lesen. Das musste sie nur eine Stunde lang schaffen, so lange, bis es zu spät sein würde, um hinauszugehen. Sie nickte entschlossen. Ja, das war die Lösung, die Lösung all ihrer Probleme. Sie brauchte heute Abend einfach nicht mehr hinausgehen, dann würde alles erledigt sein, für immer und alle Zeiten.
Sie lächelte versonnen, ihre Hände fuhren geradezu liebevoll über den samtenen Stoff des Sessels, der ihre Rettung sein würde. Sie kicherte, wie bin ich doch kindisch, fuhr es ihr durch den Kopf, mit Mitte 20 sollte man sich doch nicht von solch unsinnigen Problemen aus der Ruhe bringen lassen. Sie lächelte immer noch, nachdem sie nun im Sessel tief unter einer Decke vergraben, die ihr das Gefühl der Geborgenheit vermittelte, schon seit immerhin zehn Minuten in ihre Lektüre vertieft war, bis sich wieder dieses unbehagliche Gefühl der Unruhe in ihrer Magengegend einnistete, vor dem sie sich so gefürchtet hatte. Ich muss einfach nur sitzen bleiben, und jeden Anfall von Unvernunft unterdrücken, redete sie sich gut zu, doch sie wusste genau, dass es keinen Sinn hatte. Sie betrachtete sich ein paar Sekunden lang im Spiegel, dann sprang sie so abrupt aus dem Sessel, so dass er ein unwilliges Geräusch von sich gab.
Mit zusammengebissenen Zähnen machte sie sich daran, sich anzuziehen, dann hastete sie aus dem Haus, nicht aber ohne zu vergessen, den Schlüssel hinter zweimal im Schloss zu drehen. Heutzutage durfte man nicht leichtsinnig sein, bei den Dingen, die man jeden Tag in der Zeitung lesen konnte! Sie ließ ein etwas hysterisches Lachen hören,dann lief sie in Windeseile die steinernen Treppenstufen hinunter, bis sie nach Luft schnappend auf der Straße stand und die beißende Kälte in ihre Lungen drang. Obschon der Abend noch früh war, schien die Straße wie ausgestorben, sie hörte nichts außer ein Hundebellen in der Ferne und das leise Fiepen eines Vogels in der hohen Tanne vor ihrem Haus. Warum musste es aber bloß so kalt sein, warum so dunkel und warum ihr Herz so bange! Mit zitternen Fingern suchte sie ein Taschentuch in ihrer Manteltasche, um es sich vor den Mund zu halten. Sie dachte an ihren über alles geliebten Freund Leon, sie sehnte sich nach ihm, so sehr, dass es schmerzte. Dann vergaß sie ihn wieder, so plötzlich, wie sie ihn vor sich gesehen hatte, so schnell verschwand er auch wieder wie die Schatten, die ihr warmer Atem in die Abendluft zeichnete.
Sie ging weiter, bis sie die knirschenden Kieseln des Feldweges unter ihren Füßen spürte, der sie zum Ufer des dunklen Sees führte, zu dem zu gehen sie einfach nicht widerstehen konnte. Doch er war weit, viel zu weit von ihr entfernt, und es musste schon bald acht Uhr sein. Mit größter Anstrengung versuchte sie, das Dunkel des Waldweges zu durchdringen, versuchte auf ihrer Uhr die Uhrzeit zu entziffern, doch es hatte gar keinen Sinn, sie konnte nicht einmal ihre eigene Hand vor den Augen sehen. Sie verfluchte sich für ihre Achtlosigkeit, die sie ihre Taschenlampe hatte vergessen lassen. Wenn doch wenigstens ein wenig Zeit wäre, sie zu holen, dachte sie verzweifelt, doch sie wusste, daß sie sich beeilen musste. Und es waren nicht nur sie und ihre Seele, die sich dessen sicher waren, es schien ihr ganzer Körper zu sein, der sie zur Eile mahnte, es war ihr Herzschlag, der sie alle Furcht und alle Zweifel vergessen ließ, der sie antrieb, zu rennen, bis sie kaum noch atmen konnte. Die Kälte und die Dunkelheit, sie flogen an ihr vorbei, und nichts außer des Sausens der eisigen Winterluft und das Knirschen ihrer schnellen Tritte auf dem gefrorenen Waldboden drang in ihre Ohren. Ihr Herzschlag wurde immer schneller, ihre Schritte folgten ihnen, ihre Gedanken rasten, ohne irgendeinen Halt zu finden. Sie fühlte eine Kraft in sich, die mehr als menschlich zu sein schien, die sie jegliche Furcht vergessen zu lassen schien, die sie daran hinderte, überhaupt daran zu denken, was sie eigentlich im Begriff war zu tun. So hätte es ewig gehen können, ihr ganzes Leben lang, ohne Angst, ohne Schwäche, ohne Gefühl, doch da, sie wurde in ihrem Rausch gestört, eine dunkle Gestalt tauchte vor ihr auf, schien sie anzusehen, ohne sie wahrzunehmen und brachte sie mit einem Ruck auf die Erde zurück, die ihr mit einem Mal fremd erschien. Ihr Herz stoppte, dann fing es wieder an, hektisch zu schlagen, schneller noch als zuvor, diesmal aber nicht aus Euphorie, aus Eile, aus Freude, sondern aus tiefer, aus nackter Angst.
Sie fühlte, dass sie sich nicht bewegen, nicht atmen konnte, sie hoffte, sich auflösen zu können, doch dass sie dies nicht konnte, bemerkte sie an der glühenden Hitze der Hand der dunklen Gestalt, die sie auf ihre Schulter gelegt hatte. Sie fühlte sich beklommen, nicht etwa, weil es sich bei diesem Wesen um einen Fremden handelte, der ihr hier in den Tiefen des Waldes auflauerte, sondern, weil sie ihn KANNTE!! Sie war wie gelähmt, es war sein Nicken, das sie folgen ließ.
Wortlos überreichte er ihr eine Gesichtsmaske, die ihre Züge wie die seinen versteckte. Sie zögerte einen Augenblick, bevor sie dieses unförmige Ding aus seidenem Schwarz über ihre kalte Haut zog, doch kaum hatte sie es über ihren Kopf gehoben, wusste sie, dass es zu spät war, es gab nun kein Zurück mehr! Die schwarze Gestalt vor ihr bedeutete ihr, schneller zu gehen, zog sie brutal zu sich und hinter sich her, als sie noch einmal zögerte. Tausend Gespenster entstanden vor ihren Augen, doch sie gab sich ihr nun ganz und gar hin, ihrer Angst, ihrer wieder neugeborenen Gier, die jeden Gedanken in ihrem Kopf verzehrte, verbrannte.
Sie wusste, dass es nun kein Zurück mehr gab, und es war ihr erschreckender Weise sogar recht! Nach lethargischen Minuten des schweigenden Marsches durch das Dickicht der Finsternis sah sie andere schwarze Gestalten vor sich, die sie schweigend zu erwarten schienen. Sie tastete sich durch die Dunkelheit und lief ihnen entgegen, den Gestalten, die nie furchterregender zu wirken schienen, als in dieser kalten Winternacht, wo sich die Seele verloren glaubt. Eine der Gestalten löste sich von der schwarzen, unheilvollen Masse vor ihr und kam auf sie zu, rannte auf sie zu, ganz als kenne der Maskierte sie, ganz als habe er sie bereits anders als in diesen dunklen Nächten, als habe er sie schon einmal unmaskiert gesehen. Sie sah in der Dunkelheit ein Stück Metall, hörte einen Schrei und einen zweiten. Sie fühlte das Metall nun in ihren Händen und fühlte die Wärme seines Zieles. Alles verschwamm vor ihren Augen, ihr Bewußtsein vermischte sich mit der klebrigen roten Flüssigkeit, die ihr wie Milch durch die Lippen rann und es waren die heißen Hände der schwarzen Gestalt hinter ihr, die ihr eine wohlige Gänsehaut bereiten.
Als sie morgens wieder aus ihrem Bett aufwachte, da fragte sie sich, wie sie in es hinein gekommen war, oder wie gestern Nacht hinaus und sie warf sich mit der Hysterie tiefster Verzweiflung wieder zurück ins Bett, wo das Bettuch die Spuren roten Blutes zeigten. Es war kein Traum, wirklich kein Traum! Oh, möge doch einer alles beenden, ihr den Gram nehmen und tilgen, die Furcht und die Gier. Sie blieb wie bewusstlos eine Stunde liegen, bis sie sich wieder aufzusetzen wagte und ihr das Kalenderblatt des vergangenen Tages in die Augen fiel. Sofort war sie hellwach, war vergnügt und unheimlich erleichtert, heute war doch tatsächlich der Tag ihrer Erlösung, an dem Leon wiederkommen und sie von alldem erlösen würde.
Sie räkelte sich geradezu genießerisch in ihren Laken, ohne auf die Blutflecke zu achten, ohne an die vergangenen Wochen zu denken, und malte sich schon aus, wie schön es wieder sein würde, in seinen warmen, zärtlichen Armen zu liegen, die all die Schrecken der Vergangenheit wieder verjagen würden wie die Strahlen der Sonne die finsteren Vögel der fliehenden Nacht.
Sie zog sich schnell an und frühstückte, und dann, schon bald, es mögen zwei Stunden vergangen sein, hörte sie bereits das Schellen der Türglocke und sie flog zur Tür und fiel einem verstört blickenden Leon in die Arme, der gar nicht wusste, wie ihm geschah. Sie lachte über sein verdutztes Gesicht und fragte ihn gleich, wie es ihm den so in den vergangenen Wochen in Amerika gegangen sei. Er gab sich sehr reserviert, räusperte sich mehrmals und meinte dann, dass es sehr schön aber auch sehr anstrengend gewesen sei. Nun fielen ihr die dunklen Ringe unter seinen Augen auf, die Blässe seiner Haut und die fahrigen Bewegungen seiner zarten Hände.
Was ist mit dir? Geht es dir nicht gut?! fragte sie besorgt. Er setzte ein zaghaftes Lächeln auf und schüttelte den Kopf. Nein, glaub mir, es ist alles gut gelaufen, unser Projekt ist in L.A. gut angekommen. Alles ist bestens! Dhyadah schüttelte besorgt den Kopf. Was war bloß mit ihrem geliebten Freund geschehen, den sie nun schon seit gut 8 Jahren kannte? Es mußte irgendetwas geschehen sein, über das er aber im Moment anscheinend nicht gerne reden wollte, also ließ sie es gut sein und sie verbrachten einen wundervollennn Tag im kuscheligen Bett, dessen Decke sie gewaschen hatte, um all den Gram der letzten Wochen wegzuwaschen.
Als es sieben Uhr schlug, dachte sie, dass nun alles wieder wie früher wäre, auch Leons natürliche Heiterkeit schien wieder zurückgekehrt zu sein, als Leon plötzlich aufstand und ihr mitteilte, daß es ihm leid täte, doch dass er sich heute noch ein einziges Mal mit seinem Geschäftspartner treffen müsse, dann sei der Vertrag unter Dach und Fach! Sie sah, wie die Dunkelheit sich wieder um sie herum auszubreiten zu schien, hörte die Eulenrufe im Wald, schmeckte wieder den Geschmack der klebrigen Flüssigkeit, der sie verfallen zu sein schien. Ich kann doch sicherlich mitkommen! brachte sie schnell heraus, die letzte Gelegenheit ergreifend, sich gegen die Versuchungen der Nacht zu feien, doch er schüttelte den Kopf und tröstete sie damit, dass er schon gegen 1 Uhr nachts wieder zurück sein würde.
Als sie die Tür hinter sich schloss und sie seine eiligen Schritte im Hausflur verhallen hörte, da wusste sie, dass es niemals ein Ende geben konnte, niemals ein Ende des Grauens, der Furcht, der brennenden Gier und sie rannte hinaus in die Nacht, bis sie wieder in den Armen der schwarzen Gestalt lag, die sie jedes Mal erwartete, die sie eingeführt hatte, in die Grauen des höchsten Mysteriums. Sie gab sich ihr hin und ihrem Drang, sein Blut und das der anderen, der, die es wollten, und der, die es zu verhindern versuchten, die man hierhin geführt hatte, mit Geschick, mit Gewalt, zu spüren, seine Gier, ihre Lust, bis sie aufeinmal das Gleichgewicht verlor und sich an der Gestalt festhielt, sie merkte erst gar nicht, daß es das Reißen von seidenem Stoff war, das sie hörte, sie es sah erst, als sie sich umblickte, dass sie aus Versehen die seidene Maske des Fremden zerissen hatte, und sank wie bewußtlos nieder, die eigene Maske rutschte ihr vom Gesicht, als sie in die vor Entsetzen aufgerissenen Augen über sich sah, die sie seit Jahren kannte, die sie liebte, denen sie vertraute, wie sich selbst und es war, als bebte der Boden, als sie in Ohnmacht sank, getroffen von dem Schrei der Verzweiflung die Leon entfuhr, als er entdecken musste, das es nun niemanden mehr gab, der sie oder ihn erlösen konnte.
Seth Ghwyndion
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