Herr Bu

Es war schon spät geworden an diesem Abend, Herr Bu saß in seinem Sessel und las etwas länger als sonst in seinem Buch, es war schon fast Mitternacht. Er spürte, wie müde er sich fühlte. Ein Wunder, dass er nicht wie sonst im Sessel eingeschlafen war. Das Buch hatte ihn schon die ganze letzte Woche gefesselt, eine Geschichte, wie er sie liebte.

Aber jetzt musste er doch das Buch zur Seite legen und er erhob sich aus seinem wunderbaren, alten, ledernen Lieblingssessel. Er spürte, wie sein Rücken sich sträubte, der wohl, wenn er es selbst zu entscheiden gehabt hätte, lieber sitzen geblieben wäre. Ganz gerade aufstehen konnte Herr Bu schon einige Zeit nicht mehr. Voller Müdigkeit, die Arme auf die Lehnen des Sessels gestützt, drückte er sich hoch.

Langsam tippelte er in Richtung Zimmertür, hinter der sich sein Bett verbarg. Er blickte sich noch einmal im Zimmer um. Eigentlich gefiel es ihm schon lange nicht mehr, aber eine Renovierungsarbeit konnte er sich weder leisten, noch war er in seiner Verfassung in der Lage, so eine Arbeit selber durchzuführen. Er hatte schon genaue Vorstellungen, wie er sein Wohnzimmer verändern wollte. Nur von seinen Möbeln würde er sich nicht trennen. Er stand im Türrahmen, sein Blick schweifte durch sein Wohnzimmer und blieb für einen Moment lang an jedem Gegenstand haften. Für jeden dieser Gegenstände hatte er Erinnerungen parat, manche davon waren es wert, erzählt zu werden.

Die Müdigkeit unterbrach Herrn Bu in seinen Gedanken und er löschte das Licht und verschloss hinter sich die Tür.

"Ach das schöne alte Bett", dachte er als er in sein Schlafzimmer trat. "Wie habe ich es nur geschafft heute solange wach zu bleiben ? Morgen bin ich bestimmt nicht gut anzusprechen...., aber was habe ich schon zu tun."

Er kuschelte sich in seine Federdecke und dachte noch einmal über die Geschichte nach, die er schon seit einigen Tagen las. Kurz darauf war er eingeschlafen, tief und fest.

Schwärze umgab ihn, bis ein Traum etwas Abwechslung in seinen Schlaf brachte.

Plötzlich befand er sich in seinem Garten, wo er damals noch gelebt hatte. Er sah seinen Sohn und auch seine kleine Tochter auf der Wiese spielen, seine Frau saß auf der Veranda, dies alles war schon eine lange Zeit her.

Die Bilder wechselten. Eben noch im Garten, saß er plötzlich in seinem Truck, in dem er jahrelang gearbeitet hatte und er fuhr eine endlose Straße entlang. Für einen Moment wurde er sehr einsam, er spürte die Entfernung, die ihn von Zuhause trennte und er spürte die Müdigkeit, die ihn so oft in seinem Truck nach stundenlangen Fahrten überfallen hatte.

Tief im Schlaf, in seinen Traum verwickelt, schlief er hinter dem Steuer seines Trucks ein zweites Mal ein und kurz darauf lag er in den Armen seiner Frau. Er fühlte ihre weiche Haut an seinem Rücken, ihre Arme umfassten von hinten seinen Körper und er blickte vom Bett, wie durch ein großes Fenster hinaus über das Meer, in den blauen Himmel, der wie ein Spiegelbild darüber lag. Sein Bett schien sich wie ein Boot auf dem Meer in den Wogen zu wiegen, es schlingerte hin und her. Blauer Himmel, wohin er auch blickte. Auf einmal sprangen die Bilder hin und her.

Er war wieder Kind und sah seine noch jungen Eltern, Freunde tauchten vor seinem Blick auf, Freunde, die er schon ewig nicht mehr gesehen hatte. Seine erste Liebschaft küßte ihn, während er die Augen geschlossen hielt.

Nur eine Millisekunde später zuckte er zusammen und er befand sich im Krieg, den er miterlebt hatte, den er hasste, der ihn so verändert hatte. Tränen rollten über sein Gesicht, doch sein Traum ging weiter und er traf auf viele Menschen, denen er in seinem Leben begegnet war und die er in dieser Nacht wiedersehen sollte.

Die Bilder wechselten sich weiterhin laufend ab, bis ihn dann irgendwann nur noch die Schwärze des Schlafs umgab. Dieser tiefe Schlaf, diese tiefe Müdigkeit zog ihn weg von den Träumen, ehe er sich weiter auf Einzelheiten konzentrieren konnte.

Er hätte gern mehr gesehen, doch wie ein Vorhang im Theater, fiel der Vorhang vor seinem inneren Auge und Herr Bu tauchte in die Regionen des Unterbewusstseins.

Er hatte kein Zeitgefühl, irgendwann bemerkte er, wie er sich um einiges ausgeruhter fühlte. Nicht, dass er nun wieder wach geworden wäre, aber es schien, als sollte ein neuer Traum beginnen. Er spürte, wie ihn eine gewisse Helligkeit umgab. Sie kam von allen Seiten, ihm war angenehm warm, jedoch hatte er kein Gefühl für seinen Körper.

Das Licht veränderte sich und Herr Bu konnte sogar etwas erkennen, er erblickte für einen kurzen Moment so etwas wie ein Stück eines hellblau schimmernden, leicht bewölkten Himmels. Dann spürte er einen Ruck an seinem Körper, der sich sehr eigenartig anfühlte. Kurz danach war er umgeben von einem verschwommenem Grün, dass ihn an Pflanzen und Gräser erinnerte, die er aus solcher Nähe noch nie betrachtet hatte.

Im nächsten Augenblick konnte er auch etwas hören, doch nie hatten seine Ohren auf diese Weise Geräusche vernommen, nicht dass er das Geräusch noch nie gehört hatte, aber es war ihm so nah, dass es ihn erschreckte.

Es handelte sich hier eindeutig um ein langes, tiefes "Moooh", dieses "Moooh" kam in solch einer Deutlichkeit in sein Gehirn, wie er es ebenfalls noch nie vernommen hatte. Was war hier los?, fragte er sich. Was war das für ein Traum?

Langsam aber sicher schien er auch das Gefühl für seinen Körper wieder zu erlangen. Er fühlte sich ausgesprochen wach, um nicht zu sagen so frisch, wie seit langem nicht mehr, doch dieses Gefühl wurde von einem weiteren undefinierbaren, geheimnisvollem Gefühl begleitet.

Er spürte, dass ihn etwas Neues umgab, er schien alles völlig anders wahrzunehmen, als er es mit seinen Sinnen gewohnt war, wenn es bis jetzt auch nicht viel war, was er überhaupt wahrnehmen konnte. Er wollte sich strecken, aber die Erwartungen an seinen Körper schienen nicht erfüllt zu werden. Sein Blick war getrübt, er erkannte nur schemenhaft seine Umwelt. Er versuchte, sich zu orientieren und ein bisschen den Kopf auszurichten. Sein Kopf wollte aber keine dieser Bewegungen ausführen, er schien schwer, viel schwerer als er es gewohnt war.

"Was ist bloß mit mir los ?", fragte er sich, in was für einen Strudel von Träumen bin ich jetzt hineingeraten ?"

Er wollte diesen Traum loswerden, denn er verwirrte ihn. Noch einmal versuchte er, sich zu orientieren, irgendwie war er wach, dessen war er sich sicher, doch das was er von seinem Körper fühlte, war nicht das, was er von seinem Körper kannte.

Sein Gesicht wurde gerade von etwas Rauhem berührt, es fühlte sich plitschnass an und wenn er auch genau wusste, welche Stellen in seinem Gesicht gerade berührt wurden, so war es doch so, als wenn alles weiter entfernt war, sein Kopf schien aufgebläht wie ein Luftballon.

Herr Bu wollte wach werden, richtig wach, er wollte sein Zimmer sehen und aus dem Bett springen, er versuchte die Augen zu öffnen und er dachte: "Warum kneift mich niemand?"

Für einen Augenblick erschrak er und glaubte, dass ihm im Schlaf eine Lähmung befallen hatte. Schon lange hatte er nicht mehr so ausgiebig geträumt, doch solche Träume wünschte er sich eigentlich nicht, viel lieber hätte er weiter Bilder und Erinnerungen von sich und seiner Familie betrachtet.

Seine Augen empfand er als riesige Löcher in einem überdimensionalen Schädel und aus eigener Kraft schien er die Augenlider nicht anheben zu können. Bei dem Gedanken an seine Beine überkam ihm abermals die Angst, nichts was er je gefühlt hatte konnte er jetzt noch spüren, Arme und Beine schienen eins geworden zu sein. Natürlich waren sie nicht mehr die fidelsten, doch gefühllos waren sie bis jetzt noch nie gewesen. Er konnte sie ja auch fühlen, aber sie waren so anders, wenn er doch nur etwas erkennen könnte.

Irgendwas rieb immer noch von außen an seinem Kopf. Plötzlich drang Licht durch den Schlitz eines Auges bis weit nach hinten in sein Gehirn und Herr Bu war perplex, jetzt erkannte er das reichhaltige Grün von irgendwelchen Pflanzen, auf denen er zu liegen schien. Dann schob sich eine groteske Fratze ins Bild und es dauerte Sekunden, bis sein Gehirn überhaupt erst zu einer Identifizierung fähig war.

Das ist eine Kuh, kam die Meldung und ausgelöst durch diese Information öffneten sich seine Augen etwas mehr. Jetzt erkannte er mehr, wenn er es auch noch nicht verstehen konnte. Vor dem Hintergrund eines blauen Himmels blickte er in das Antlitz eines riesigen Rindes.

"Was soll das alles ? Ich möchte solche Phantastereien nicht erleben, ich will meinen Schlaf genießen", dachte er.

Er suchte nach einem Weg, der die Grenze zwischen dem, was er erlebte und dem Wissen darüber, dass er schlief, wiederherstellte. Doch die üblichen Methoden der Alptraumvertreibung schienen sich in diesem Fall nicht anwenden zu lassen, trotz aller Überlegungen liefen die Geschehnisse in seinem Traum, in die er unmittelbar einbezogen war, ohne Unterbrechung weiter. Sein Ballonkopf wandte sich in verschiedene Richtungen. Doch mehr als eine grüne, gräserne Pflanzenwelt und in der Ferne, vor dem Hintergrund eines klaren Himmels, etwas, das mit Bäumen zu vergleichen war, konnte er weiß Gott nicht erkennen, wenn man das Rindviech vor seinen Augen unterschlug.

Langsam aber sicher überkam ihn ein Gefühl der Angst. Der Traum wurde von Minute zu Minute realistischer. Herr Bu fühlte sich, als wäre er einem Jungbrunnen entsprungen, wenn sich sein Körper auch fremd anfühlte, so steckte er doch voller Energie. Doch er konnte beim besten Willen nicht zurückkehren und sich selber aus diesem Traum erwecken.

Tausende Gefühle der Angst und auch der Traurigkeit vermischten sich mit der Erkenntnis, ein Wunder zu erleben.

Ja, er war nicht mehr dort, wo er sich zur Ruhe begeben hatte, er war mit dem Schlaf der letzten Nacht über die Schwelle des Lebens geschritten. Hinüber in das Totenreich, aus dem noch niemand wiedergekehrt war.

Mit dem Tod konnte er sich abfinden, er wusste, dass er alt geworden war und trotz der großen Traurigkeit bekam er seine Gefühle wieder in den Griff. Es schmerzte, erkennen zu müssen, dass dieser Tod doch so anders war, als er ihn erwartet hätte.

"Sollte er nicht die endgültige Erlösung von diesem anstrengendem, problematischen Leben sein? Sollten sich hier nicht alle irdischen Probleme im Nichts auflösen? Oh Gott...", dachte er, "...wie konntest du uns nur so täuschen."

Aber was konnte er schon machen, er war ein Rindvieh. Bei allen teuflischen Wundern dieser Welt, irgendwie war es auch zum Lachen

Herr Bu brauchte Wochen, um sich mit seinem neuem Körper zurecht zu finden. Sein Geist war nicht getrübt, seine Persönlichkeit hatte sich nicht verändert. Doch er konnte sich bei weitem nicht mehr so entfalten, wie er es als Mensch in Erinnerung hatte. Er musste lernen, mit diesem Körper und seinen Sinnen umzugehen. Seine Gedanken kreisten wild umher und ihn überfiel laufend der Gedanke ein Gefangener zu sein, aber sollte lernen, dieses neue Leben auf natürliche Weise zu akzeptieren. Sicherlich war er auch in den Jahren des Altwerdens kein hundert Prozent einsatzfähiger Mensch gewesen, dennoch war es schwierig, den plötzlich so frisch gewordenen, jungen Geist seiner Seele in diesem Körper angemessen auszuleben. Er war er selbst geblieben, die Person, die er noch vor wenigen Augenblicken darstellte, war keinesfalls verschwunden.

Dazu war eine neue Realität in sein Leben getreten, die ihn sich damit beschäftigen ließ, wie er dieses neue Leben zu bewerkstelligen hatte. Sein aufgeklärtes inneres Seelenleben musste über die Einfältigkeit seiner Kalb-Gedanken lachen, die von erfreulicher Einfachheit bestimmt waren und seine Gefühle positiv stimmten.

Aber ihn überkam immer wieder das zwingende Gefühl, die Fülle von Gedanken, die in seinem wachen Kleinhirn explodierten, mitzuteilen und herauszulassen. Dann sah man ihn wild über die Wiesen bocken und alles, was aus ihm heraus kam war "Mooooh, Moooh, Mooh".

Mit der Zeit lernte er, die Dinge des Lebens zu genießen und nicht alles so verdammt ernst zu nehmen, wie man ihm die vielen Dinge des menschlichen Daseins anerzogen, aufgezwungen und eingebleut hatte, deren geistige Inhalte und Notwendigkeiten nicht selten fragwürdig geblieben waren. Ja, tatsächlich, in jedem seiner Rindergenossen konnte eine Seele stecken, einen Seele eines Menschen oder aber...?

Er würde versuchen dahinter zu kommen, doch jetzt musste er es hinnehmen, wie es geschehen war und wahrscheinlich blieb auch niemanden sonst etwas anderes übrig, der in diese Situation kommen sollte.

Das Leben war doch so anders, als er es jemals angenommen hatte. Mit diesem neuem Dasein schien sein Leben erst die große Bedeutung zu erlangen, die er schon als Mensch gerne erfahren hätte. Jetzt gehörte er in den großen Kreislauf allen Lebens.

Er musste noch des öfteren die Grenzen zwischen Tod und Leben überschreiten und in ihm wuchs die Erkenntnis, dass das Leben in allen Formen lobenswert war.

Das Dasein als Mensch war nicht die absolute Erfüllung und all die anerzogenen Vorstellungen von Leben und Tod hatten sich als falsch erwiesen.

Herr Bu war nie darauf erpicht, ein weiteres Mal zu leben. Viel zu groß waren die Schmerzen, die er in seinen Leben erfahren musste.

Doch auf welch vielfältige Weise er auch das irdische Leben durchleben sollte, die Antwort auf die immer wiederkehrende Frage "...wer hatte dieses natürliche Leben so negativ verändert und für viele Lebewesen unerträglich gemacht ?", war doch immer die gleiche.

Allein der Mensch mit der maßlosen Überschätzung seiner Kräfte.

Auch jetzt, wo seine Seele durch die Körper vieler Tiere und Pflanzen wanderte, konnte er spüren, wie weit die ungezügelte Macht des Menschen reichte. Ob Tier oder Pflanze, sie alle litten unter der egoistischen Dummheit, die immer mehr von dieser großartigen Natur zerstörte, bis wahrscheinlich irgendwann alles zusammenbrechen würde.

Das Leben war es in jeder Weise wert, gelebt zu werden, egal wo und wie . Herr Bu war Rind, Schaf, Wolf, Vogel, er war Blume und Baum, Ameise und Schmetterling geworden und eines wusste er genau, sollte er einst wieder zu einem Menschen werden, so würde er tausend Dinge anders machen.

Sein Denken und Handeln würde niemals wieder den egoistischen Eigennutz des Menschen in den Vordergrund stellen.

Gert Klimanschewski

 

Kurzbiographie des Autors
Bücher mit Anleitungen zur Rückführung in frühere Leben