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Der Friedhofsgeist
Schon mehrere Male war ich bei nächtlichen Spaziergängen über Friedhöfe auf Geister gestoßen, manches Mal auf friedliche oder zumindestens nicht allzu aufdringliche, ein anderes Mal auf wesentlich mißleidigere, doch noch nie zuvor hatte ich einen Geist wirklich so deutlich gesehen, daß sein Bild dem eines materiellen Wesens gleichgekommen wäre. Und noch nie zuvor hatte irgendein Mensch diese Erfahrung mit mir wirklich geteilt, so daß ich mir nie sicher sein konnte, ob das Wesen, das ich wahrgenommen hatte, auch wirklich existierte oder ob es meiner eigenen Phantasie entsprungen war. Doch dieses eine Mal war es anders. Und das ist die Geschichte.
Es war kurz nach dem Sonnenuntergang, die Felder lagen schon in tiefer Dunkelheit, da besuchte ich mit einem Freund einen in seinem Stadtteil gelegenen Friedhof. Ich besinne mich nicht mehr genau daran, was mich damals überhaupt dazu trieb, mich des Nachts dorthin zu begeben, da ich mich schon seit geraumer Zeit von meiner schwarzen Phase verabschiedet hatte, in der ich nächtliche Spaziergänge auf dem Friedhof für unverzichtbar erachtete. Vielleicht war es einfach ein wenig Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, die mich zu dem Friedhof trieb, auf dem ich einige Jahre zuvor bei einem dieser Spaziergänge einen Geist erblickt zu haben glaubte. Einer meiner Freunde hatte mir damals zugerufen, da sei irgend jemand, er habe jedenfalls irgend so eine merkwürdige Gestalt gesehen, doch damals hatte ich seine Worte als Resultat gemeinsamer Hysterie abgetan und brachte die unglücklichen Ereignisse, die kurz darauf in meinen Leben Einzug hielten, nicht mit diesem Erlebnis in Zusammenhang.
An diesem besagten Tag aber, da wollte ich den damaligen Erlebnissen wirklich auf den Grund gehen, wollte zusammen mit meinem Freund prüfen, ob etwas Wirkliches an der damaligen Wahrnehmung wäre. Also betraten wir zusammen den Friedhof, doch noch bevor wir überhaupt an den Gräbern angelangt waren, da sah ich plötzlich eine schwarze Gestalt auf mich zustürzen, erschrocken trat ich einen Schritt zurück und konnte aus den Augenwinkeln beobachten, wie mein Freund im selben Moment einen Schritt vorgetreten und eine Abwehrhaltung eingenommen hatte. Erstaunt betrachtete ich ihn. Er konnte doch unmöglich meine Gedanken gelesen haben! Als ich ihn dann nach dem Grund für sein Verhalten fragte, da erzählte er mir, daß er eine weiße Gestalt auf sich habe zurasen sehen. Er fing an, buddhistische Mantras zu murmeln, die mir zur damaligen Zeit noch sehr fremd anmuteten, doch sie schienen nicht sofort Wirkung zu zeigen, jedenfalls fühlten wir noch immer den Zorn dieser haßerfüllten Wesenheit, so daß wir beschlossen, diesen unseligen Ort so schnell wie möglich zu verlassen und nach Hause zurückzukehren, ehe dieser Geist sich unser bemächtigen konnte.
Sicher beim Wagen angekommen sprachen wir noch einmal von unserem Erlebnis und mein Freund erklärte mir, daß wir gerade noch zur rechten Zeit vor dem Geist geflohen waren, ohne daß er genug Zeit gehabt hatte, uns negativ zu beeinflussen und es war ein inneres Grauen, das mich bei der Vorstellung befiel, was geschehen wäre, wenn wir noch länger auf diesem Friedhof verweilt hätten, nach dessen Besuch Jahre zuvor kurz darauf eine sehr unglückliche Periode in meinem Leben gefolgt war.
Seth Ghwyndion
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